Category Archives: Bildungswesen

Lehrer

Seiteneinstieg in den Lehrerberuf: Jetzt oder nie

Nie war der Zeitpunkt für den Quereinstieg ins Lehramt günstiger. Die allgemeine Beschäftigungslage ist gut, und die langfristigen Berufsaussichten dürfen mit Fug und Recht als hervorragend bezeichnet werden. Wer einen Hochschulabschluss nachweisen kann, der auf einer Regelstudienzeit von insgesamt mindestens acht Semestern beruht, und sich zutraut, junge Leute für den Unterrichtsstoff zu begeistern und ihnen Werte wie Disziplin und Pflichtbewusstsein zu vermitteln, ist als Quereinsteiger ins Berufsschullehramt gerne gesehen.

Was früher undenkbar war, ist im heutigen Bildungswesen gang und gäbe: Um die Unterrichtsversorgung für bestimmte Fächer sicherzustellen, werden mittlerweie auch Personen eingestellt, die keine klassische Lehrerausbildung vorzuweisen haben und den Quereinstieg ins Lehramt wagen möchten. Besonders gross ist die Zahl der Quereinsteiger in Fächern mit wirtschaftlichem Bezug (z.B. VWL und BWL), doch auch in den Natur- und Hilfswissenschaften (v.a. im Fach Mathematik) gibt es riesige Versorgungslücken. Wer räumlich flexibel ist und sich im noch immer obligatorischen Referendariat bewährt, kann sich seinen Job quasi aussuchen.

NRW: Vereinfachte Zugangsvoraussetzungen seit 2009

Mit dem Lehrerausbildungsgesetz vom 12. Mai 2009 (§13) hat der Gesetzgeber die Eckpunkte einer berufsbegleitenden Ausbildung für Seiteneinsteiger im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland (Nordrhein-Westfalen) festgelegt. Anders als früher ist der Zugang zu diesem berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst nicht mehr von der formalen Anerkennung eines Hochschulabschlusses als Erste Staatsprüfung für ein Lehramt abhängig. Massgeblich ist nun die Einschätzung der Eignung des Bewerbers, genauer: eine Prognose über den zu erwartenden Ausbildungserfolg in den jeweiligen Fächern. Während beim ersten Fach relativ strenge Massstäbe gelten, muss für das zweite Fach lediglich ein Drittel der fachwissenschaftlichen Studienleistungen nachgewiesen werden.

Darüber hinaus ist die Eignung für die Arbeit mit Schülern für die Entscheidung, ob jemand ins Lehramt einsteigen darf oder nicht, von Bedeutung. Gemäss der „Ordnung zur berufsbegleitenden Ausbildung von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern und der Staatsprüfung (OBAS)“ hat die Vorbereitung auf den Berufsschuldienst eine Dauer von 24 Monaten. Schulen, die Bewerbungen von Seiteneinsteigern ohne Lehramtsbefähigung annehmen, schreiben ihre Stellen heute mit einem entsprechenden Vermerk im Internet aus.

Didaktische Erfahrung ist an Berufsschulen das A und O

Einer der häufigsten Gründe, weshalb Menschen, die den Quereinstieg ins Lehramt gewagt haben, nach einiger Zeit das Handtuch werfen, sind ihre fehlenden didaktischen Fähigkeiten. Der Besuch der Berufsschule wird von vielen jungen Leuten als eine aufgedrängte Bereicherung angesehen. Fast jeder, der das Abenteuer „Quereinstieg ins Lehramt“ wagt, muss sich früher oder später mit Schülern auseinandersetzen, die den Unterricht massiv stören. Es ist nicht ungewöhnlich, dass derartige Probleme an Berufsschulen stärker auftreten als an regulären Schulen.

In Nordrhein-Westfalen werden Absolventen, die den Quereinstieg ins Lehramt wagen möchten, acht Stunden pro Woche pädagogisch geschult. Parallel dazu müssen sie aber 15,5 Wochenstunden unterrichten – keine leichte Aufgabe für jemanden, der die Schule zwar aus eigener Erfahrung kennt, aber nie zuvor auf der anderen Seite des Lehrerpultes gestanden hat. Noch extremer ist die Situation im Bundesland Niedersachsen: Hier findet der Quereinstieg ins Lehramt ganz ohne pädagogische Vorbereitung statt. Auch in anderen Bundesländern wird, wohl auch aus Kostengründen, auf den Vorbereitungsdienst verzichtet.

Fazit

Unter dem Strich lässt sich eines festhalten: Wer keine Freude an der Kommunikation und am Umgang mit Jugendlichen hat, wird den Quereinstieg ins Lehramt früher oder später bereuen. Andererseits finden viele Menschen in diesem Job ihre berufliche Erfüllung und versehen ihren Dienst mit grossem Engagement. Absolventen mit Hochschulabschluss, die über Berufspraxis verfügen, gelingt der Seiteneinstieg erfahrungsgemäss eher als Bewerbern, die noch keine Berufserfahrung haben. In jedem Fall sollte die Entscheidung, den Quereinstieg ins Lehramt zu wagen, gut überlegt sein – nicht jeder ist für den Job des Berufsschullehrers geschaffen.