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Wird das Bankensystem von Zockern beherrscht?

Es vergeht inzwischen kaum ein Tag ohne schlechte Nachrichten aus der Finanzwelt. Das Ausmaß der Manipulationen, mit denen Banker sich und ihre Finanzhäuser zu bereichern versuchern, verschlägt selbst gut informierten Branchenkennern die Sprache. Der wohl größte Skandal der vergangenen Jahre ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Gemeint ist die Libor-Affäre, die die Bankenelite seit 2012 in Atem hält. Vor eineinhalb Jahren wurde bekannt, dass die Barclays-Bank jahrelang Zinssätze manipuliert hatte. Beobachter gingen zunächst von einem Einzelfall aus, doch es wurde schnell klar, dass an den Betrügereien weltweit rund 20 Banken mitgewirkt hatten. Der finanzielle Schaden, der hierdurch entstand, ist schwer zu beziffern. Bisweilen werden Beträge von 20 Milliarden Franken genannt, andere schätzen die Verluste auf mehrere Hundert Milliarden.

Eine Branche kämpft um ihren Ruf

Der Skandal kam für die Finanzwelt zur Unzeit, da die Banken seit Beginn der Schuldenkrise 2007/2008 zunehmend in Verruf geraten sind. Das Bild des ehrbaren Kaufmannes existiert in dieser Form kaum noch – bei dem Wort “Banker” denken viele Menschen heute an skrupellose Geschäftemacher im Nadelstreifenanzug, die vom Rechner aus Millionenbeträge in die eigene Tasche wirtschaften. Auf den unteren Hierarchieebenen entspricht dies freilich selten der Realität, doch je höher man sich im Machtgefüge der Finanzhäuser bewegt, desto häufiger begegnet man derartigen Figuren. Die Zahl der Verhaftungen geht mittlerweile in die Hunderte. Razzien in Frankfurter Großbanken, Rekordstrafen in den Vereinigten Staaten – solche Szenarien waren früher undenkbar, heute sind sie an der Tagesordnung.

Der Derivatehandel schafft keine realen Werte

Eines der Kernprobleme des Bankensystems ist der Handel mit sogenannten Derivaten. Mit diesem Begriff werden Zertifikate bezeichnet, die für sich genommen keinerlei Wert besitzen. Anders als psysische Werte wie Immobilien, Rohstoffe oder Edelmetalle sind Derivate fiktive Konstruktionen, die in keinem realwirtschaftlichen Zusammenhang stehen. Auch ein Unternehmen, das Motorräder oder Bauzaunblenden herstellt, ist ein realer Wert. Die Firma verfügt über ein Grundstück, Ausrüstung, Lieferfahrzeuge und vieles mehr. Die Bauzaunblenden werden von menschlichen Mitarbeitern erstellt, die wirklich existieren. Im Gegensatz zu elektronischen Zertifikaten, die auf Knopfdruck generiert werden, ist eine Bauzaunblende etwas, das man anfassen und immer wieder verwenden kann.

Wer sich die Bilanzsumme großer Banken ansieht, wird feststellen, dass Derivate mittlerweile den größten Teil der enthaltenen Posten ausmachen. Die Eigenkapitalquote der Deutschen Bank, die eine Bilanzsumme von rund 2 Billionen Euro ausweist, liegt derzeit bei rund zehn Prozent. Die Baseler Beschlüsse aus dem Jahr 2010 schreiben eine Mindestquote von sieben Prozent vor, die bis 2019 zu erreichen ist. Von solchen Möglichkeiten können mittelständische Firmen nur träumen: Ein Hersteller von Bauzaunblenden muss in der Regel hohe Kredite aufnehmen, um seinen Betrieb in die Gewinnzone bringen zu können. Er ist darauf angewiesen, Kunden zu aquirieren, die Bauzaunblenden und andere Werbeträger bestellen – andernfalls verschwindet das Unternehmen vom Markt, und die Arbeitsplätze sind verloren.